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Die Narrative Expositionstherapie (NET) nach Flucht und Gewalt


Menschen mit Traumafolgestörungen nach Migration aus Kriegs- und Krisengebieten haben häufig multiple soziale, sozioökonomische und traumatische Stressoren erlebt. Die Behandlung sollte daher die gesamte Biografie des Menschen und seine soziale Zugehörigkeit im Blick haben und die Erlangung von Würde und Befriedigung des Wunsches nach Anerkennung des geschehenen Unrechts berücksichtigen sowie neben der individuellen, einen Beitrag zur kollektiven Bewältigung leisten. Die NET stellt im Gegensatz zu symptomorientierten oder problemzentrierten Vorgehensweisen einen gezielt biografisch-traumaaufarbeitenden Ansatz dar. Gerade Menschen mit unterbrochenen Lebenslinien nach Flucht und Migration profitieren vom kohärenten Erarbeiten und damit dem Gewahrwerden und Bewahren der Geschichte ihres bisherigen Lebens. Bei der Narrativen Expositionstherapie wird der Überlebende eingeladen sein ganzes Leben zu erzählen. Dabei werden alle emotional hocherregenden Szenen der Vergangenheit während der Narration abgerufen und beim Berichten in den chronologischen Zeit- und Geschehensablauf eingebettet (Schauer et al. 2005/2011). Durch das kleinschrittige und genaue Wiedererfahren und Verbalisieren konkretisieren sich bedeutsame, stark angst- und emotionsbesetzte Momente der Vergangenheit auf allen Ebenen des Erlebens und können sich so Kontextualisieren. Dabei werden möglichst alle Elemente des Furchtnetzwerks im Schutz des „Sprechens über“, in der Distanz zum Damals so lange aktiviert, bis die Erfahrungen sich autobiografisch einordnen, benennen, begreifen und verorten lassen und Erleichterung eintritt durch Integration und Diskrimination zwischen Trauma und Gegenwart. Die Behandlung verläuft in stufenweiser Annäherung an das Traumamaterial und hat dabei nicht nur die punktuelle Arbeit am Trauma, sondern immer die Entwicklung des Menschen und die gesamte Lebensgeschichte im Blick, von den frühesten Erinnerungen an.

Im Workshop wird ein Einblick in die Theorie und praktischen Grundlagen der Narrativen Expositionstherapie (NET) gegeben und erlebbar gemacht. Die Fortbildung beinhaltet auch Selbsterfahrungsanteile.

Literatur:

Veranstaltungstag

Sonntag, 05. Mai 2019

Dozent

Maggie Schauer

klinische Psychologin, spezialisiert im Bereich von Traumafolgestörungen. Sie leitet das Kompetenzzentrum Psycho-traumatologie an der Universität Konstanz. Sie arbeitet mit Überlebenden körperlicher und sexueller Traumatisierung in der Familie oder durch organisierte Gruppen, im Kindes- und Erwachsenenalter. Zusammen mit Frank Neuner und Thomas Elbert hat sie die Narrative Expositionstherapie (NET) begründet. Schauer koordiniert Therapie- und Hilfsprojekte in Kriegs- und Krisengebieten, in Gemeinden und Flüchtlingslagern, nach humanitären und Naturkatastrophen, in Demobilisierungsprojekten für Kindersoldaten und mit Überlebenden von Folter und Menschenrechtsverletzungen in den Herkunftsländern und in Deutschland mit Flüchtlingen und Asylbewerbern. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied von vivo international (www.vivo.org), einer NGO zur Prävention und Behandlung von traumatischem Stress und im Gründungsvorstand und Beirat des Babyforums, eines Netzwerks von Fachkräften für Frühe Hilfen, zur Betreuung von Schwangeren und zur Vorsorge bei Kindeswohlgefährdung. 



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